„Strategien“

Strategische Vernetzung / Buch Gemeinwohl-Ökonomie von Chr.Felber :
Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als Facette im Zukunftsmosaik einer nachhaltigen, demokratischen und humanen Gesellschaft und Kultur. Sie sucht deshalb gezielt die Kooperation mit verwandten Alternativansätzen, um miteinander zu lernen, sich gegenseitig sichtbar zu machen und zu stärken. Solidarische Ökonomie, Gemeinschaftsgüter
(»Commons«), Wirtschaftsdemokratie, Postwachstumsökonomie, Shared Value, B Corporations, Fair Trade, Social Business … Wenn sich diese ähnlichen Ansätze gegenseitig bewerben und verstärken, besteht die Chance, gemeinsam das herrschende Paradigma zu kippen. Wichtig ist, den Menschen, die sich immer zahlreicher enttäuscht von der offiziellen Politik abwenden und auch den Massenmedien zunehmend misstrauen, nicht nur eine Alternative anzubieten, sondern eine Fülle an Alternativen. Dann kann sich jede und jeder nach Interesse, Fähigkeiten, Bildung und Vorlieben an der einen oder anderen Facette des großen Wandels beteiligen.
Der Wandel findet auf allen Ebenen und in allen Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens statt:
Siehe dazu die Abbildung »Mosaik der Zukunft« (Work in Progress) oder auch der »Großen Transformation«. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist darin nur eine Facette.
Derzeit sind die meisten Initiativen noch Keime und keiner von ihnen ist »systemrelevant«. Wenn sie aber beständig weiterwachsen und sich positiv rückkoppeln, können sie das nachhaltige kulturelle Ökosystem der Zukunft bilden. Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis all diesen Alternativen eine gemeinsame Infrastruktur für Kommunikation, Koordination, Kooperation und vielleicht auch Entscheidungsfindung zur Verfügung gestellt wird oder sie diese selbst erarbeiten. Das wird nicht einfach werden, aber wenn sich immer mehr Menschen auf diese Aufgabe konzentrieren, werden auch die Lösungen entstehen. Das ist ein Teil der Evolution. Und wenn die neuen Alternativen etwas von den Mächtigen lernen können, dann ist es: Kooperation.

Der Weg zum Konvent
Der Gesamtprozess Gemeinwohl-Ökonomie hat sich am ersten Geburtstag auf eine Strategie für die nächsten fünf Jahre verständigt. Ein zentrales Fernziel ist die Abhaltung von Wirtschaftskonventen in mehreren Staaten. In den Wirtschaftskonventen sollen die zehn bis zwanzig wichtigsten Spielregeln, nach denen die Wirtschaft funktionieren soll, demokratisch diskutiert, verhandelt und dem Souverän zum Beschluss vorgelegt werden. Mögliche Inhalte sind:
– Ziele und Werte des Wirtschaftens
– Gemeinwohl-Produkt
– Gemeinwohl-Bilanz
– Gemeinwohlorientiertes Finanzsystem
– Begrenzung der Verwendung von Finanzgewinnen
– Begrenzung der Einkommensungleichheit
– Begrenzung der Vermögensungleichheit
– Machtstreuung in Großunternehmen
– Generationenfonds und »demokratische Mitgift«
– Reduktion der Regelarbeitszeit
– Freijahre
– Kategorischer ökologischer Imperativ
Das sind nur Vorschläge. Auch die Inhalte, zu denen Regeln gefunden werden, sollen demokratisch festgelegt werden: die »Kompetenz-kompetenz« liegt in einer echten Demokratie beim Souverän. Der Weg zum Konvent »oben« beginnt unten: in den Gemeinden. Das wurde schon beschrieben. Ein »Prozessdesign« für den Ablauf eines kommunalen Wirtschaftskonvents liegt vor. Aus den »Uraufführungen« auf kommunaler Ebene lassen sich dann hoffentlich wertvolle Erfahrungen für den Hauptdurchgang auf nationalstaatlicher Ebene gewinnen. Auf kommunaler
Ebene könnten sich die BürgerInnen im Verlauf eines Jahres zum Beispiel alle zwei Monate treffen:
– zum Kennenlernen und Vorstellen des Settings;
– zur Definition der zehn bis zwanzig Fragestellungen;
– zur Durchführung von Recherchen und Grobabstimmung;
– zur Feindiskussion nach Feinrecherche;
– zur Abstimmung (Systemisches Konsensieren);
– zur Nachbereitung und Beratung der weiteren Schritte
(zum Beispiel Einladung weiterer Gemeinden).
Durch diesen Prozess erwarten wir mehrere Effekte:
– Vielen Menschen wird bewusst, dass die Wirtschaft keinen Naturgesetzen
folgt, sondern auf frei gestaltbaren politischen Regeln beruht.
– Vielen Menschen wird bewusst, dass die Regeln, die gegenwärtig die
Wirtschaft steuern, nicht mit ihren Grundwerten und –zielen
übereinstimmen und sogar im Widerspruch zu diesen stehen.
– Viele Menschen entwickeln die Sehnsucht, dass der Konvent auf der
entscheidenden Ebene wiederholt wird, und verleihen ihrer Forderung
nach bundesweiten Wirtschaftskonventen Nachdruck.
– Die Demokratie erfährt einen Vitalisierungsschub.
In dem Maße, in dem die Idee eines Wirtschaftskonvents bekannt wird und kommunale Konvente starten, wächst auch der politische Druck auf Parteien und Parlamente, einen solchen Konvent zuzulassen – über direkte Wahl oder durch die Delegation aus den kommunalen und regionalen Konventen. Ein pragmatischer Weg könnte sein, dass ein Bundeskonvent konstituiert wird, nachdem in mindestens hundert Kommunen lokale Konvente getagt und eine Delegierte für den Bundeskonvent nominiert haben.

Wie kann ich mich beteiligen?
In den letzten Jahren habe ich unzählige Menschen getroffen, die zwar das Unrecht in der Welt wahrnehmen, aber keine Vorstellung haben, wie sie persönlich zur Lösung der Probleme beitragen können. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet eine Fülle von Beteiligungsmöglichkeiten. Jede Person kann:
– ein regionales »Energiefeld« gründen oder dieses verstärken, wenn es
schon existiert;
– eine der fünfzehn Rollen übernehmen, aus denen »Energiefelder«
bestehen (BeraterIn, AuditorIn, RedakteurIn, ReferentIn, BotschafterIn
…), oder eine neue Rolle hinzufügen;
– Unternehmen, bei denen sie einkauft, nach der Gemeinwohl-Bilanz
fragen;
– im eigenen Unternehmen die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz
betreiben;
– das Unternehmen einladen, in einer lokalen Pioniergruppe gemeinsam
mit zehn bis zwanzig weiteren Unternehmen zu lernen;
– der Wohnsitzgemeinde vorschlagen, eine Gemeinwohl-Gemeinde zu
werden, und der Lebensregion, eine Gemeinwohl-Region zu werden;
– in der Wohnsitzgemeinde gemeinsam mit weiteren Engagierten einen
»kommunalen Wirtschaftskonvent« organisieren;
– in der eigenen Schule, Volkshochschule, Fachhochschule oder
Universität die Gemeinwohl-Ökonomie integrieren;
– die »Lieblingsalternative«, für die sie sich bereits engagiert, mit der
Gemeinwohl-Ökonomie vernetzen, Synergien
suchen und Kooperationen aufbauen.
Auf der Website der Gemeinwohl-Ökonomie finden sich umfassende Infos, wie und wo sich Interessierte engagieren
und beteiligen können. Im Buch »Kooperation statt Konkurrenz« habe ich etwas allgemeiner zehn Schritte
beschrieben, die jeder Mensch tun kann, um das Seine zum großen Wandel beizutragen.

. . . frisch auf